Systematische Rückfalluntersuchung im Hessischen Jugendvollzug

Bericht über eine empirische Studie zur Legalbewährung bzw. zur Rückfälligkeit von jungen männlichen Gefangenen der Entlassungsjahrgänge 2003 und 2006

Fazit

Die „Systematische Rückfalluntersuchung im hessischen Jugendstrafvollzug“ zeigt wichtige Aspekte auf, die für einen Ausstieg aus einer delinquenten Karriere von Bedeutung sind. Nach dieser Studie sind die wichtigsten Effekte für einen Ausstieg:

  • Kontaktabbruch zu delinquenten Peers
  • Aufbau stabiler nicht-delinquenter sozialer Netzwerke
  • Einbindung und Integration in Schule und Beruf
  • Entwicklung einer kritischen Einstellung gegenüber Drogen
  • Entwicklung der Bereitschaft zur gewaltfreien Lösung von Konflikten
  • Entwicklung einer kritische Einstellung gegenüber Straftaten
  • Aktiver Umgang mit Schulden
  • Vermeidung vollkommen unstrukturierter Freizeitgestaltung

Die Rückfallprävention sollte an möglichst vielen dieser Ausstiegsfaktoren ansetzen.

Die Systematische Rückfalluntersuchung im Hessischen Jugendvollzug befasst sich mit der empirischen wissenschaftlichen Evaluation der "Einheitlichen Vollzugskonzeption im hessischen Jugendstrafvollzug". Diese Vollzugskonzeption wurde 2004 vorgestellt und sollte „durch eine verbesserte Ausgestaltung der Haftbedingungen des Jugendstrafvollzugs und eine intensivere Betreuung die Rückfälligkeit der jungen Gefangenen […] vermindern und dadurch den berechtigten Sicherheitsinteressen der Bevölkerung Rechnung […] tragen.“

 

Die Systematisch Rückfalluntersuchung ist in 4 Kapitel unterteilt:

  • Kapitel 1 stellt zunächst den generellen Kontext einführend dar. Hierbei werden insbesondere die für die Berechnungen verwendeten Rückfalldefinition sowie der methodische Zusammenhang erläutert.
  • Kapitel 2 stellt anschließend die Population der Untersuchung aus quantitativer und qualitativer Perspektive dar.
  • Die Kapitel 3 und 4 liefern die Ergebnisse der beiden quantitativen und qualitativen Teiluntersuchungen (zu den Entlassungsjahrgängen 2003 und 2006).
  • Kapitel 5 schließt den Bericht mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick ab.

 

Über den eigentlichen Gegenstand der Untersuchungen hinaus belegt die Studie sehr deutlich die Bedeutung verschiedener Faktoren die eine Rückfälligkeit in Straftaten begünstigen oder zu einer gelungenen Reintegration in Arbeit und Gesellschaft beitragen.

Wesentliche Unterschiede zwischen rückfälligen und nicht rückfälligen Untersuchungsteilnehmern benennt die Studie wie folgt:

  • „Interesse an einem Schul- oder Berufsabschluss:
    Aussteiger äußerten am Ende der Haft ein größeres Interesse an einem Schul- oder Berufsabschluss.
  • Schulabschluss während der Haft gemacht:
    Wenn ein Schulabschluss während er Haft gemacht wurde, stieg die Wahrscheinlichkeit eines Ausstiegs.
  • Kritische Einstellung zu Drogen:
    Aussteiger äußerten am Ende der Haft eine kritischere Einstellung zum Drogenkonsum als Rückfällige.
  • Kritische Einstellung zu Schulden:
    Aussteiger hatten weniger häufig Schulden als Rückfällige oder äußerten am Ende der Haft eine kritischere Einstellung zu Schulden.
  • Kritische Einstellung zu eigenen Straftaten:
    Aussteiger äußerten am Ende der Haft eine kritischere Einstellung zu Straftaten als Rückfällige.
  • Selbsteingeschätzte Rückfallgefahr bezüglich Drogen:
    Aussteiger äußerten eine geringe Rückfallgefahr bezüglich Drogen als Rückfällige
  • Selbstwirksamkeit:
    Aussteiger äußerten tendenziell eine stärkere Selbstwirksamkeitseinschätzung in Bezug auf die zukünftige Lebensgestaltung als Rückfällige.
  • Werteorientierungen:
    Aussteiger gaben im Vergleich zu Rückfällige eine höhere Zustimmung zu den Werteorientierungen „Fleißig und ehrgeizig sein, „Auch solche Meinungen anerkennen, denen man eigentlich nicht zustimmen kann und „Schnell Erfolg haben“.
  • Leistungsbezogene Aspekte der Selbstkontrolle:
    Aussteiger gaben im Vergleich zu Rückfälligen eine niedrigere Zustimmung zu leistungsorientierten Aussagen der Selbstkontrollskala: „Wenn Dinge schwierig werden, neige ich dazu aufzugeben oder mich zurückzuziehen“, „Schwere Aufgaben, die mich voll beanspruchen, mag ich überhaupt nicht“.“

 

Die Wichtigsten Ergebnisse der Studie fassen die Autoren wie folgt zusammen:

  • „Für die meisten der im Jahr 2004 sanktionierten oder aus der Haft entlassenen Personen bleibt die strafrechtliche Ahndung (im Beobachtungszeitraum) ein einmaliges Ereignis. Etwa jeder Dritte strafrechtlich Sanktionierte beziehungsweise aus der Haft Entlassene wird innerhalb des Risikozeitraums von drei Jahren erneut straffällig (...).
  • Sofern eine erneute strafrechtliche Reaktion erfolgt, führt dies überwiegend nicht zu einer vollstreckten Freiheitsentziehung, sondern zu milderen Sanktionen.
  • Die zu einer freiheitsentziehenden Sanktion Verurteilten weisen ein höheres Rückfallrisiko auf als die mit milderen Sanktionen Belegten.
  • Bei zu Bewährungsstrafen Verurteilten liegen die Rückfallraten im Vergleich mit vollzogenen Freiheits-und Jugendstrafen deutlich niedriger.
  • Entlassene Strafgefangene werden zwar überwiegend erneut straffällig, jedoch kehren nur deutlich weniger als die Hälfte wieder in den Strafvollzug zurück.
  • Differenziert man nach Bundesländern, dann ergibt sich eine beachtliche Schwankungsbreite des Rückfalls, die sich mit unterschiedlicher Bevölkerungs- und Sozialstruktur sowie unterschiedlichen Strafzumessungspraktiken erklären lassen dürfte.
  • Alter und Geschlecht sind für die Rückfallneigung erwartungsgemäß von großer Bedeutung: Die Jugendlichen weisen mit über 40 % die höchste Rückfallrate auf, die über sechzig Jährigen mit 14 % die geringste. Frauen werden in erheblich geringerem Umfang wieder rückfällig.
  • Darüber hinaus zeigt die Rückfallrate eine starke Abhängigkeit von der Vorstrafenbelastung: Mit der Zahl früherer Verurteilungen nimmt die Rückfallrate zu.
  • Die allgemeine Rückfälligkeit – gleichgültig wegen welchen Delikts – unterscheidet sich deutlich im Vergleich zwischen verschiedenen Deliktsgruppen:Die niedrigsten Rückfallraten mit weniger als 20 % weisen Straßenverkehrsstraftäter (ausgenommen Fahren ohne Fahrerlaubnis) und wegen Tötungsdelikten Verurteilte auf, während Täter von Raubdelikten und schweren Formen des Diebstahls zu mehr als 50 % rückfällig werden.
  • Erheblich schwächer sind einschlägige Rückfälle, das heißt erneute Verurteilungen wegen einer Tat aus derselben Deliktsgruppe, ausgeprägt. Unter den Gewalttätern werden Körperverletzer mit 15 % am häufigsten einschlägig rückfällig. Bei den Sexualdelinquenten sind schon die allgemeinen Rückfallraten eher unterdurchschnittlich, nur eine sehr kleine Minderheit der wegen einer sexuellen Nötigung oder eines sexuellen Missbrauchs Verurteilten wird einschlägig wiederverurteilt.
  • Das vorliegende Datenmaterial kann nicht nur für Rückfalluntersuchungen verwendet werden. Es lässt sich auch für die Darstellung der Strafzumessungspraxis des jeweiligen Bezugsjahres nutzen: So kann in Teilen das, was die Bewährungshilfestatistik bietet, ergänzt werden“

 

Alle Kapitel der Systematischen Untersuchung finden Sie auf der Website des H.B. Wagnitz Seminars.
Kapitel 5 mit der Zusammenfassung des Berichtes können Sie hier lesen.